Wohngifte, sind sie noch da?

In den Industrieländern halten sich die Bewohner über 90 % Ihrer Lebenszeit in geschlossenen Räumen auf und circa 85 % der Menschen verlassen ihre Wohnung für weniger als eine Stunde am Tag. Die Belastungen im alltäglichen Umfeld der Menschen werden immer höher. 30 % der Bevölkerung gilt bereits als umweltkrank. Deshalb ist gerade der Raum in dem wir uns lange aufhalten von großer gesundheitlicher Bedeutung.

»Es sollte eigentlich der Vergangenheit angehören sich Gedanken zu machen über mögliche schädigende Stoffe, die aus Materialien (Kleidung, Teppichboden, Tapeten, Spielzeug und so weiter) ausgasen können«, so Baubiologe Münstermann.

In vielen Bereichen wurden die sogenannten VOC (Flüchtige organische Verbindungen) durch schwerflüchtige Verbindungen (englisch: Semi–Volatile ersetzt. Diese gasen bei Zimmertemperatur ebenfalls aus, dieses geschieht langsamer und über einen längeren Zeitraum. Werden z. B. PVC–Tapeten hergestellt, kann auf Weichmacher nicht verzichtet werden. Sie verleihen der Tapete Elastizität und ermöglichen das Aufschäumen. Weichmacher können ein Problem in Innenräumen darstellen. Laut ÖKO–TEST wurde in PVC–haltigen Vlies–Tapeten SVOC sogenannte Phthalate nachgewiesen (ÖKO–TEST 2010).

Die PVC–Hersteller verwenden vorrangig DINP (Diisononylphthalat) und DIDP (Diisodecylphthalat). Diese Phthalate sind von der Europäischen Union nicht als gefährliche Stoffe eingestuft. Das Umweltbundesamt bewertet das anzunehmende Umweltverhalten dieser Stoffe jedoch als bedenklich. Sie stehen im Verdacht, sich in hohem Maße in Organismen anzureichern und eine lange Lebensdauer im Boden und in Sedimenten aufzuweisen (Umweltbundesamt 2007).

In den meisten 2010 von ÖKO–TEST getesteten Vliestapeten wurden mindestens Spuren von giftigen zinnorganischen Verbindungen nachgewiesen. Diese Verbindungen können beim Menschen schon in sehr kleinen Mengen das Immun– und Hormonsystem beeinträchtigen. Zudem kann das Stoffgemisch der Tapete auch eine Vielzahl von flüchtigen organischen Verbindungen ausgasen, die die Raumluft belasten und Schleimhäute und Augen reizen können. Diese kommen auch in PVC–Bodenbelägen und gegebenenfalls in Wandfarben vor. »Heute ist es wieder modern, sich diese Sachen an den Wänden oder auf den Boden zu kleben«, so Münstermann weiter, »hinzu kommt ja noch das im Falle eines Brandes von PVC nicht nur ein beißender Rauch sondern auch eine Vielzahl von chlororganischen Verbindungen entsteht.«

Das im PVC enthaltene Chlor wird größtenteils als Chlorwasserstoff (HCl) freigesetzt, der mit Feuchtigkeit zu Salzsäure reagiert. »Wir müssen achtsam sein mit den vielen Dingen, die der Markt anbietet. Empfehlenswert sind z. B.: Naturbaustoffe, die mit einem europäischen Qualitätszeichen, natureplus, versehen sind.«

Wohngifte und Schadstoffbelastungen in Wohnungen werden durch sogenannte Raumluftuntersuchungen sowie Materialproben analytisch festgestellt. Eine gute Adresse für kostenlosen telefonischen Rat und bei Bedarf Begutachtungen durch fachkundige unabhängige Sachverständige sind die Beratungsstellen von BIOLYSA e. V. Deren Baubiologen sind bundesweit tätig: biolysa.de